Literarische Reise durch Tschechien

Als letzte Veranstaltung der „Tschechischen Kulturtage in Rheinbach“ fand am 25. Oktober in der Öffentlichen Bücherei St. Martin eine „Literarische Reise durch Tschechien“ statt. Frau Irma Drerup, die an gleicher Stelle im Mai und Juni schon Literaturgespräche zu tschechischen Büchern geleitet hatte, stellte 21 Bücher von 18 Autoren vor, unterteilt nach 4 Epochen.

(c) Öffentliche Bücherei St. Martin

Winfried Kern, der auf seiner Rundreise durch Tschechien ganz bewußt einige der Orte besucht hatte, die in der Literatur verewigt sind, zeigte anschaulich Fotos dazu, das Team der Bücherei hatte für landestypische Speisen gesorgt, und der Vorstand des Partnerschaftsvereins stellte die Getränke zur Verfügung. Eine Auswahl von tschechischer Literatur lag zum Schmökrn bereit.

(c) Öffentliche Bücherei St. Martin
(c) Öffentliche Bücherei St. Martin

Allen Aktiven sei noch einmal herzlich gedankt für die Mithilfe zu einem gelungenen Abend, der vielen Teilnehmern die tschechische Literatur näher gebracht hat. Ein in Tschechien geborener und inzwischen in Deutschland lebender Besucher bemerkte, dass ihm die Reise bewußt gemacht habe, welche Lücken er noch in der Literatur seiner Muttersprache habe, und dass er anfangen werde, dieses Versäumnis nachzuholen.

Mehrfach wurde, auch nach Wochen noch, von Teilnehmern der Wunsch geäußert, doch die Liste der besprochenen Bücher und Autoren einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Danke an Frau Drerup, die uns erlaubt hat, Ihre Zusammenstellung hier zu veröffentlichen, und die auch zu den kurzen Erläuterungen ihr Einverständnis gegeben hat!

Die Klassiker

Karel Hynek Macha (1810-1836), Máj /Mai, Ketos Verlag 2020.

Der Romantiker ist mit seinem Epos jedem tschechischen Schulkind bekannt. Der dort beschriebene See ist heute als Macha-See ein viel besuchtes Ziel im Kreis Česká Lípa. Den See und das Macha-Museum in Doksy konnten wir auf unserer Bürgerfahrt 2014 besuchen.

(c) Winfried Kern
(c) Walter Erlenbach

Božena Nĕmcová (1820-1862), Die Großmutter. Bilder aus dem Landleben, Olmütz 1924.

Mit ihrem bekanntesten Roman gilt sie als eine der ersten Autorinnen, die in tschechischer Sprache publiziert haben. Im „Großmuttertal“ (Babiččino údolí) wird ihr ebenfalls ein regionales Denkmal gesetzt. Auch die Vorlage zum Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ stammt von ihr.

Jan Neruda (1834-1891), Kleinseitner Geschichten. Aus dem alten Prag, München 1986.

Vor allem als Journalist machte sich Neruda einen Namen. Geboren und gelebt hat er größtenteils in der Prager „Kleinseite“, dem Stadtteil westlich der Moldau, und die dortige Bevölkerung, die „kleinen Leute“, beschrieben. Als sein Verehrer hat der spätere chilenische Nobelpreisträger Pablo Neruda sein Pseudonym gewählt.

Jaroslav Hašek (1883-1923), Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, Reinbek 1960.

Die ersten Teile der auch in Deutschland und Österreich bekannten und beliebten, mehrmals verfilmten Abenteuer entstanden bereits im ersten Weltkrieg. Der Roman ist unvollendet, denn Hašek starb bereits mit 39 Jahren Jahren aufgrund einer Tuberkulose, die er sich im Krieg zugezogen hatte.

Karel Čapek (1890-1938), Der Krieg mit den Molchen, Zürich 1981 und Das Jahr des Gärtners, Frankfurt 1986.

Čapek war ein Schriftsteller mit sehr breit angelegtem Themenspektrum – vom Kinderbuch bis zum Gartenratgeber. Seine wichtigsten und nachwirkendsten Inhalte betreffen aber die Gefahren von Massenproduktion und Automatisierung – er hat den Begriff „Roboter“ eingeführt für willenlose Maschinen, beschreibt aber auch im „Krieg mit den Molchen“ die Ausnutzung von intelligenten Tieren, die sich dann gegen ihre „Herren“ wenden. Er sollte vom französischen PEN-Club für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen werden, verstarb aber zu früh.

Die Prager Deutsche Literatur

Franz Kafka (1883-1924), Brief an den Vater, Frankfurt 1994.

Von Franz Kafka sind die Romane „Das Schloss“ und „Der Process“, obwohl beide unvollendet, am bekanntesten. Aber immer wieder hat er sich mit seinem dominanten Vater literarisch auseinandergesetzt.

Kafka-Denkmal in Prag (c) Winfried Kern

Egon Erwin Kisch (1885-1948), Geschichten aus sieben Ghettos, Frankfurt 1982.

Als „rasender Reporter“ bekannter Journalist war er ein scharfzüngiger Beobachter zuerst seiner Prager Landsleute, dann auch in Australien, während des Spanischen Bürgerkrieges und im Exil in USA und Mexico.

Franz Werfel (1890-1948), Der veruntreute Himmel. Die Geschichte einer Magd, Frankfurt 1990.

Auch der Expressionist Franz Werfel, der schon während der ersten Tschechischen Republik, wenn auch von Wien aus, großen Erfolg als Schriftsteller hatte, ging 1938 ins Exil und wurde US-amerikanischer Staatsbürger.

Lenka Reinerová (1916-2008), Mandelduft (Erzählungen), Berlin 1998

Sie gilt als die letzte Vertreterin der deutschsprachigen Literatur in Prag und war mit den beiden vorherigen befreundet. Auch sie war ab 1939 im Exil; in der kommunistischen Nachkriegs-Tschechoslowakei war sie lange mit Publikationsverbot belegt. Erst nach 1989 wurden in Tschechien ihre Erzählungen wieder verlegt.

Literatur nach 1986 – Zeit der ‚Normalisierung‘

Bohumil Hrabal (1914-1997), Das Städtchen, in dem die Zeit stehen blieb, Ulm 1992 und Ich habe den englischen König bedient, Berlin 1990

„Das Städtchen, …“ war schon Gegenstand des zweiten Literaturgesprächs im Juni in der Bücherei St. Martin mit Frau Irma Drerup. Hier wird seine Kindheit und Jugend mit Vater und Onkel thematisiert. Er gilt als Sprachkünstler, der aber stark unter der Zensur litt.

Ivan Klíma (*1931), Ein Liebessommer, München/Wien 1992.

Auch er hatte ab 1968 (nach dem Prager Frühling) Publikationsverbot, bis 1989 erschienen seine Werke nur im Ausland.

Jiří Kratochvil (*1940), Der traurige Gott, Zürich 2005.

Trotz Publikationsverbotes von 1968 bis 1989 verstand er es, in dieser Zeit in Untergrundverlagen zu publizieren. Die meisten seiner Romane spielen in seiner Heimatstadt Brünn.

Václav Havel (1936-2011), Versuch, in der Wahrheit zu leben (Essay), Reinbek 1990, und Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis, Reinbek 1989.

Die Werke des Schriftstellers und Theaterautors, der während der kommunistischen Herrschaft ebenfalls Publikationsverbot hatte, wurden in Deutschland verlegt. Er war Initiator der Charta 77 und trat immer wieder als Regimekritiker in Erscheinung, was mehrere Haftstrafen zur Folge hatte. So entstanden u.a. die Briefe an (seine Frau) Olga.

Als Staatspräsident der Tschechoslowakei (1989-1993) und der Tschechischen Republik (1993-2003) trat er sehr für die tschechisch-deutsche Aussöhnung ein.

Literatur nach der ‚Samtenen Revolution‘ (von 1989 bis heute)

Kvĕta Legátová (1919-2012), Der Mann aus Želary (Novelle), München 2008.

Die Novelle mit stark autobiographischen Zügen war Thema des ersten Literaturgespräches im Mai in der Bücherei St. Martin mit Frau Irma Drerup.

Die Autorin, die erst nach 1989 wieder veröffentlichen konnte, erhielt 2002 dafür den tschechischen Staatspreis für Literatur, 2003 erfolgte eine auch international beachtete Verfilmung.

Siedlung in der Mährischen Walachei – hier handelt die Novelle (c) Winfried Kern

Jáchym Topol (*1962), Engel Exit, Berlin 1997.

Der wortgewaltige und -schöpferische Topol war schon in jungen Jahren Mitglied der Dissidentenszene in Prag. Hier im „Engel Exit“ ein Drogensüchtiger, ein Gescheiterter. Im Roman „Ein empfindsamer Mensch“, aus dem im August in der Buchhandlung Kayser von Jana Reiß gelesen wurde, eine durch Europa irrende Familie.

Irena Dousková (*1964), Der tapfere Bella Tschau, München 2006.

Sie schreibt vorwiegend Kurzgeschichten, Gedichte und Novellen. Das Stück wurde bereits 2002 im Theater aufgeführt.

Alena Mornštajnová (*1963), Hana, Zürich 2022.

Die Mährische Schriftstellerin, die erst seit 2013 veröffentlicht, hat mit dieser „Familien“geschichte einen bewegenden Einblick in das Leben einer tschechisch-deutschen Frau gegeben, von 1933 an über den „Brünner Todesmarsch“ bis nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Auch zu diesem Roman gab es im August in der Buchhandlung Kayser von Jana Reiß eine Lesung.

Radka Denemarková (*1968), Ein herrlicher Flecken Erde, München 2014

Die Autorin, auch Übersetzerin für Deutsch und Tschechisch, setzt sich in ihren Werken mit den dunklen Seiten der Vergangenheit und Gegenwart auseinander: der tschechischen (Vertreibung der Deutschen), deutschen (Nazigreuel), europäischen und sogar chinesischen.

Über ihr neuestes Buch „Als wäre das alles gestern gewesen“ (von Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds initiiert und herausgegeben) zum Holocaust und seinen Hintergründen und den Einstellungen von Überlebenden haben wir im Oktober an dieser Stelle berichtet.

Kutná Hora (Kuttenberg) – Geburtsort von Radka Denemarková (c) Winfried Kern